Wilhelm von Humboldt: still going
strong
Prof. Dr. Theo Harden, Dublin
Blockseminar, 19.-23. April, jeweils
10-12 und 14-16 Uhr
Um einen möglichst reibungslosen Verlauf zu gewährleisten,
möchte ich alle an einer Teilnahme Interessierten bitten, sich per
E-Mail bei mir anzumelden. Bitte geben Sie dabei nach Möglichkeit
auch gleich ein Referatsthema
(siehe weiter unten)
an.
Prof. Dr. Theo Harden
theo.harden@ucd.ie
Wilhelm von Humboldts Schriften zur Sprache haben, trotz ihres
inzwischen beträchtlichen Alters, nach wie vor das Potential, heftige
Debatten auszulösen. Kontrovers war von Anfang an der enge
Zusammenhang
zwischen "intellctueller Thätigkeit" und Sprache, den Humboldt
postulierte. Hinzu kommen aber auch eine Reihe von
Missverständnissen,
die z. T. in seiner streckenweise recht sperrigen Diktion begründet
sind, z. T. aber auch darin, dass die von ihm benutzten Konzepte
definitorisch eher vage gefasst sind. Der Steinbruch, aus dem sich
Anhänger und Gegner bei der Suche nach Belegen für ihre
jeweiligen
Posi-tionen und Argumente meist bedienen ist die
berühmt-berüchtigte
Einleitung zum Kawi-Werk mit dem Titel Über die Verschiedenheit des
menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige
Ent-wicklung des Menschengeschlechts. Sie gilt zu Recht als Ergebnis
und Vermächtnis von Humboldts jahrzehntelanger
Forschungstätigkeit,
hat jedoch den Nachteil, dass "eben weil es sich um eine Art
Zusammenschau handelt", Leser ohne Vorkenntnisse ihrer Entwicklung
leicht den Überblick verlieren.
Sehr viel besser nachvollziehbar ist die letztere anhand der
Vorträge
vor der Akademie der Wissenschaften. Auf der Grundlage einer Auswahl
dieser Reden soll eine Annäherung an Humboldts Sprachphilosophie
vorgenommen werden, wobei die Klärung der Verhältnisse
zwischen "Einheit und Verschiedenheit in allen Sprache",
"zeichenmässigem
und
überzeichenmäßigem Charakter der Sprache" sowie
"Sprache und Geist" im
Vordergrund steht. Darüber hinaus muss gefragt werden, welche
Konsequenzen Humboldts Erkenntnisse, wenn sie denn zutreffen, für
Bereiche der Angewandten Linguistik wie z. B. die
Übersetzungswissenschaft und die Sprachlehrforschung haben.
Referatsthemen
1. Das geistige Umfeld und die Zeitgenossen
Gedacht ist hier an einen Überblick der vor allem der
Sprachursprungsdiskussion (Condillac, Herder), der aber auch der von
Leibniz, Locke und anderen Philosophen der Aufklärung
geführten Diskussion über die Natur der Sprache. Es sollte
wirklich nur das Panorama relativ grob skizziert werden. Informationen
eher aus dem Internet, vor allem amerikanische Unis haben da ganz
interessante Sachen.
2. Zur Natur der Sprache
Auch hier soll grundsätzlich nur eine erste Annäherung
vorgenommen werden. Die Einleitung zum Kawi-Werk taugt da nur bedingt.
Besser ist "Ueber die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem
Sprachbau" (in der Trabantausgabe Nr. 5). Als Sekundärquelle
Liebrucks (1965:82-126) Sorgfältige Lektüre der Texte ist
unabdingbar.
3. Die Verschiedenheit der
Sprachen
Mit dieser Verschiedenheit thematisiert Humboldt durchgehend die
typologischen Unterschiede (flektierend, isolierend, agglutinierend)
und die damit verbundenen Möglichkeiten, die Welt zu gliedern.
Wichtig wäre hier, seine Position so klar wie möglich zu
bestimmen, da seine Einlassungen zu diesem Thema immer wieder auch
Anlass für Kritik und polemische Angriffe gewesen ist. Zu fragen
ist, welche Berechtigung die Kritik hat und außerdem, ob wir in
Humboldt tatsächlich eine Art Proto-Nazi vor uns haben. Literatur:
Nr. 3 und 5 in Trabant, dazu das Vorwort von Hans Aarleff in der
englischen Übersetzung von
Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus
von Peter Heath (1988)
The Diversity of
Human-Language Structure and its Influence on the Mental Development of
Mankind. Cambridge. Cambridge University Press.
4. Sprache und Geist
Erhellend hier vor allem Nr. 6 in Trabant "Ueber den grammatischen Bau
der chinesischen Sprache". Dazu Liebrucks (1965:48-82). Auch hier ist
sehr genaue Lektüre erforderlich.
5. Sapir/Whorf und die
Neo-Humboldtianer
Das unter 3. thematisierte Verhältnis ist ja dasjenige, das immer
wieder aufgenommen worden ist (durchaus sehr kontrovers). Die
Humboldtrezeption von Sapir/Whorf ist nicht besonders akzentuiert
worden. Einflüsse scheint es jedoch gegeben zu haben. Die Frage
ist daher eher, welche Auswirkung die dramatische Verengung der immer
recht vage gehaltenen Ausführungen Humboldts auf die Diskussion
gehabt hat. Vergleichbares lässt sich auch für die
Neo-Humboldtianer (Weisgerber vor allem) fragen, da vor allem deren
bildungspolitische Wirkung in der frühen Bundesrepublik beachtlich
war. Auch hier ist eher an ein Überblick gedacht.
6. Ergon und Energeia
Hier kann auf Teillektüre der "Verschiedenheit des menschlichen
Sprachbaus..." nicht verzichtet werden. Ich werde in den nächsten
Tagen noch die jeweiligen Stellen in den verschiedenen Ausgaben
ausfindig machen. Wichtig ist hier vor allem das Herausarbeiten des
dialektischen Verhältnisses, da dies für das folgende Referat
von entscheidender Wichtigkeit ist.
7. Humboldt und Chomsky
Mit welcher Rechtfertigung beruft sich Chomsky auf Humboldt, d. h.
welche Elemente bieten sich an, vereinnahmt zu werden? Dazu muss
natürlich klar sein, von welchen Fragestellungen die generative
Schule insgesamt ausgeht. Sind das Fragestellungen, die Humboldt - mehr
oder weniger explizit - auch hatte. Liegt ein Missverständnis vor?
Wenn ja, an welcher Stelle. (Trabant 1998: "Verspätete Bemerkungen
über den unendlichen Gebrauch endlicher Mittel" in:
Harden/Hentschel (eds) (1998):
Particulae Particularum. Tübingen).
8. Sprache und Poesie
Die ganz spezifischen Weltansichten und Weltsichten der Sprachen werden
nach Humboldt ganz besonders in der Sprache der Literatur, vor allem in
der poetischen Sprache manifest. Als Grundlage soll hier Nr. 10 in der
Trabant-Ausgabe und Kapitel XV, 3f. in Liebrucks dienen. Ein Streifzug
in die aktuellen Debatten in der Übersetzungswissenschaft
könnte aber auch Erhellendes dazu beitragen. (Koller, W.
(1997):
Einführung in die
Übersetzungswissenschaft. Wiesbaden.)
9. Humboldt und die moderne
Sprachwissenschaft
Hat Humboldt uns heute noch etwas zu sagen? Sind nicht die Fragen, die
der aufgeworfen hat, zum großen Teil beantwortet oder als
irrelevant entlarvt worden? Welche Fragen stellt "die Sprachwissensc"
überhaupt? Und vor allem: welche Fragen hat Humboldt gestellt?
Gibt es Erkenntnisse, z. B. in der Psycholinguistik, die seine Annahmen
stützen? Dieser Vortrag kann recht frei gestaltet werden.
10. Praktische Ausblicke
Humboldts Überlegungen haben gravierende Konsequenzen für das
gesamte konzeptuelle Gebäude der Sprachlehrforschung. Wie
muss die Lehr- und Lernbarkeit von Fremdsprachen eingeschätzt
werden. Welche Rolle spielt die Muttersprache? In welcher Weise
beeinflussten unterschiedliche Konzepte hinsichtlich der Natur der
Sprache notwendigerweise die Art und Weise ihrer Vermittlung? Hier wird
natürlich eine gewisse Vertrautheit mit den wichtigsten
Strömungen der Sprachlehrforschung vorausgesetzt. Einen recht
guten Überblick geben Mitchell, R./Myles, F. (1998)
Second Language Learning Theories.
London: Kap. 4. - 6.
Auswahlbibliographie
Primärtexte
- Wilhelm von Humboldt: Über die Sprache. Reden vor der
Akademie. Herausgegeben und kommentiert von Jürgen Trabant. 1994.
Tübingen. Francke.
- Wilhelm von Humboldt (1936/1949): Über die
Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus und ihren Einfluss auf die
geistige Entwicklung des Menschengeschlechts. Darmstadt: Claassen
& Roether. (in Auszügen).
Sekundärliteratur
- Aarsleff, H. (1985): From Locke to Saussure : essays on the
study of language and intellectual history. Minneapolis: Univ. of
Minnesota Pr.
- Borsche, T. (1981): Sprachansichten. Der Begriff der
menschlichen Rede in der Sprachphilosophie Wilhelm von Humboldts.
Stuttgart: Klett-Cotta.
- Borsche, T. (1990): Wilhelm von Humboldt. München:
Beck.
- Liebrucks, B. (1964): Sprach und Bewußtsein. Bd.
2.
Sprache: Wilhelm von Humboldt. Frankfurt/M.: Akademische
Verlagsgesellschaft.
- Scharf, H.-W. (1994): Das Verfahren der Sprache. Humboldt gegen
Chomsky. Paderborn: Schöningh.
- Trabant, J. (1986): Apeliotes oder Der Sinn der Sprache.
Wilhelm von Humboldts Sprach-Bild. München:Fink.
- Trabant, J. (1990): Traditionen Humboldts. Frankfurt/M.:
Suhrkamp.
- Welke, K. (1986): Sprache - Bewußtsein -
Tätigkeit. Zur Sprachkonzeption Wilhelm von Humboldts. Berlin:
Akademie Verlag.